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Gedenkstein
Was geschah am 04. April 1945 in Ahlten?
Es ist Montag, der 9. April 1945.
In Ahlten, Deutschland und Europa bangten und hofften die Menschen nach 12 Jahren des nationalsozialistischen Terrorregimes auf Frieden und Freiheit.
Hannover und Lehrte befanden sich in der unmittelbaren Endphase des Zweiten Weltkriegs. Während die US-Truppen bereits vor den Toren Hannovers standen, kam es in der Region noch zu schweren Verbrechen des NS-Regimes.
Bei den Menschen in Ahlten herrschte am 9. April 1945 eine hochexplosive und von Angst geprägte Stimmung. Eine extreme „Grauzone“ zwischen dem nahenden Kriegsende, der sich auflösenden staatlichen Ordnung und dem letzten Aufbäumen des NS-Terrors.
Es war der vorletzte Tag unter nationalsozialistischer Herrschaft, geprägt von herannahendem Geschützdonner der Amerikaner, Fliegerangriffen und letzten, grausamen Gewaltakten der NS-Schergen gegen Gefangene und Zwangsarbeiter, aber auch die eigene Bevölkerung.
Am Morgen des 9. April 1945 kam es offenbar zu Konflikten zwischen bewaffneten russischen Zwangsarbeitern und Wehrmachtssoldaten des Flakposten am Bahnhof Ahlten.
Der damalige Ahltener Gendarmeriemeister Lages hatte von dem Überfall gehört und wollte für Ordnung sorgen. Bei seiner Ankunft fand er dort aber bereits 3 erschossenen Menschen vor und kehrte ins Dorf zurück.
Zur gleichen Zeit hatten Zwangsarbeiter der umliegenden Misburger Werke wegen Fliegeralarms in einem Stollen im Bruch eines Zementwerkes Schutz gesucht. Nach Entwarnung überquerten sie die Felder oder benutzten das Bahngelände im Ahltener Bereich für den Rückweg.
Von all diesen Vorkommnissen hatte offenbar eine in Misburg stationierte Abteilung des Reichsarbeitsdienstes, etwa 120 Mann, mit einem Feldmeister an der Spitze Kenntnis erhalten. Ob diese Arbeitsdienstabteilung von Ahlten angefordert worden ist, oder ob diese auf das Gerücht, dass in Ahlten Unruhen wären ausrückten, ließ sich nicht aufklären.
Die Männer des RAD durchkämmten das Gelände zwischen Bahnhof Ahlten und Misburg. Diese Arbeitsdienstmänner hatten offenbar den Befehl, auf alle zu schießen, die auf Anruf nicht stehen blieben. Dies haben sie dann auch in und um Ahlten ohne Zögern getan.
Gewissenlos und noch immer mit blindem Gehorsam zum sich auflösenden NS-Regime.
Ein Teil der so umherlaufenden Zwangsarbeiter unterschätzte wohl leichtsinnig die Gefahr in dieser Schwellensituation, verkannte die Gewaltbereitschaft, wenn nicht die Mordlust beim Reichsarbeitsdienst, der die frustrierende Erfahrung machen musste, den Amerikanern nicht gewachsen zu sein, noch im Untergang aber die Gelegenheit ergriff, die zu vernichten, die es wagten, auf Haltruf nicht stehenzubleiben.
Später wurden vom Arbeitsdienst etwa 100–120 ausländische Zwangsarbeiter nach Ahlten gebracht. Sie wurden auf dem Gemeindeplatz (das ist der heutige Bereich Raiffeisenstraße/Hannoversche Straße) gesammelt. Dort wurde ein flüchtender Zwangsarbeiter erschossen.
Der Führer der Arbeitsdienstabteilung schien auch die Absicht gehabt zu haben, unter die Zwangsarbeiter Handgranaten werfen zu lassen, nachdem sie in den damaligen Brauereikeller eingesperrt worden waren.
Das Eingreifen von Einheimischen sowie des Gendarmeriemeisters Lages hat dort wohl ein noch größeres Massaker abgewendet. Die Überlebenden Zwangsarbeiter wurden am nächsten Tag abtransportiert.
Bis dahin hatten an diesem Tag in Ahlten bereits 13 Menschen durch den Reichsarbeitsdienst ihr Leben verloren. Drei weitere sollten an den Folgen der erlittenen Schussverletzungen noch sterben.
Der Gendarmeriemeister Lages wurde später Opfer einer Denunziation und in der Nähe des heutigen Straße „Zum Großen Freien“ von den dann eingerückten Amerikanern erschossenen.
Den Opfern der Erschießungen Namen und Würde zu geben ist leider nur sehr begrenzt möglich. Die Namen der Todesopfer vom 9. April sind nur teilweise überliefert.
Es handelt sich um den am 23. September 1922 in Saint-Ivy/Finistère geborenen Alain Constance und um den am 24. November 1922 in Sepmes/Indre et Loire geborenen Gerard Catheline. Die Bauabteilung von Brown, Boveri & Cie. (BBC) hatte sie als Hilfsarbeiter in Ahlten eingesetzt. Mitten im Ort – in der Bahnhofstraße, heute „Zum Großen Freien“ – erschoss der Reichsarbeitsdienst die beiden. Mehreren Zeugenaussagen zufolge war ein dritter (namentlich nicht genannter) Franzose angeschossen und verletzt worden und fand dann Aufnahme im Reservelazaret. Dazu passt ein Eintrag im Kirchenbuch der katholischen Gemeinde, wonach der Kriegsgefangene André Fonvieille am 25. April 1945 nach schwerer Verwundung durch den Reichsarbeitsdienst verstarb. Er stammte aus Albi im Département Tarn. Sein Geburtsdatum war nach abweichenden Angaben der 7. oder 17. August 1917. Als einen weiteren namentlich bekannten Toten des Massakers verzeichnete das Standesamt den am 15. April 1911 in Elst in den Niederlanden geborenen und beim Hochspannungswerk beschäftigten Arbeiter Petrus Peelen. Zunächst hatte man ihn in der Nähe der Tapetenfabrik begraben, wo er offenkundig erschossen worden war; ein zweites Mal beerdigte man ihn auf dem Friedhof in Ilten. Ferner ist der Schneider Giuseppe Aiello zu nennen, geboren am 9. Februar 1910 im italienischen Boscoreale. Nach einer Zeugenaussage war Aiello nicht stehengeblieben, als die Deutschen „Halt“ riefen – was ihnen genügte, den Mann zu erschießen.
Während das Standesamt Ahlten nach dem Massaker 13 Tote erfasste, geht aus den Unterlagen des Lehrter Krankenhauses hervor, dass dort noch zwei Sowjetbürger ihren Verwundungen vom 9. April erlagen: erstens Grigori Bulajenko, geboren am 20. Dezember 1904 in Orenburg, zweitens Fjedor Kiesenow, geboren 1922. Bulajenko starb am 12. April mit einer Gehirnblutung nach Kopfschuss. Ähnlich stellte das Krankenhaus bei Kiesenow mehrere Schussverletzungen fest, bei ihm trat der Tod am 10. April ein.
Weder der Name des für die Erschießungen verantwortlichen Feldmeisters noch der beteiligten Arbeitsdienstleute sind dokumentiert oder bekannt geworden.
Der Gedenkstein
Errichtung des Gedenksteines erfolgte aufgrund eines Beschlusses des Ortsrates Ahlten am 09. April 2026.
Unsere Geschichte sowie die Ereignisse vom 09. April 1945 in Ahlten fordern uns auf, Haltung zu zeigen: gegen das Schweigen, gegen das Wegsehen, gegen das Wiederholen.
Die Erinnerung an die Opfer lebt durch unser Handeln im öffentlichen Raum und in unseren Herzen. Ihre Geschichte soll nicht vergessen, sondern weitergegeben werden – als Mahnung, dass Freiheit, Demokratie und Menschenrechte niemals selbstverständlich sind.
„Wir erinnern. Wir mahnen. Wir handeln.“
Quellenhinweis: Die o.a. Daten und das geschilderte Geschehen basieren überwiegend auf Forschungsergebnissen des Historikers Dr. Heiko Arndt, Büro für Geschichte, Hannover, die Erkenntnisse aus den Prozessakten des Schwurgerichtes Hildesheim von 1951 beinhalten